Sutermeister, Hans Martin

Hans Martin Sutermeister, Pseudonym: Hans Möhrlen (* 29. September 1907 in Rued AG; † 5. Mai 1977 in Basel) war ein Schweizer Schriftstellerarzt und Privatgelehrter.

Leben

Sutermeister war Sohn der gutbürgerlichen Maria Hunziker und des religiösen Sozialisten Friedrich Sutermeister. Zu seinen Geschwistern zählten der Schriftsteller Peter und der Komponist Heinrich. Hans Martin studierte Theologie, brach das Studium ab und wechselte auf Medizin. Nach dem Abschluss, vom Studium befreit, schrieb er 1942 seine autobiografische Novelle Zwischen zwei Welten, auf den ersten Blick eine Abrechnung mit seiner protestantischen Erziehung.[1][2][3] Die Novelle ist aber zugleich Thesenroman nach dem Vorbild Emile Zolas: Die Figuren der Novelle, besonders die Frauen -seine Mutter, seine Jugendliebe Ursula, seine erste richtige Liebe Mia- entsprechen medizinischen Konstitutionstypen. Der Autor selbst ist von seiner Neurose verfolgt. Er ist Welträtsellöser in Sinne Ernst Haeckels. (vgl. seine Neue Gesichtspunkte in der Psychologie, 1944)

Die Thesen der Novelle bestätigt er für sich in seinen Fachschriften, besonders seinem bekanntesten populärwissenschaftlichen Buch Psychologie und Weltanschauung (1944). In Jean Piagets Schweizerischen Zeitschrift für Psychologie und ihre Anwendungen setzte er zu Angriffen auf die geisteswissenschaftliche Psychologie an. Der Schriftsteller Jakob Bührer und der Sozialist Emil J. Walter unterstützten ihn dabei. Hans Bally war geneigt, über Sutermeister eine Satire zu schreiben, und bezeichnete sein Nomen atque omen als „Dokument privater Schwierigkeiten“. Bedeutendster Gegner seiner Thesen waren Jesuiten, später der Soziologe Leopold von Wiese.[4]

Von 1946 bis 1947 war er Flüchtlingsarzt bei der UNRRA in Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei. 1949 schilderte er auf seinen Romanseiten Fahrt durch Europas Ruinen im Berner Tagblatt seine Erlebnisse. Jahrzehntelang führte er eine Arztpraxis in Bern. Er bewunderte Friedrich Schiller mehr als Goethe und identifizierte sich mit ihm. Anfang 1950-er Jahre versuchte er vergebens, unter Dichterarzt Jakob Klaesi mit einer Arbeit über Schiller zu habilitieren. Als Ersatzlösung hielt er ein paar Vorträge an der Berner Volkshochschule und verkehrte in Gustav Hans Grabers Psychologischer Gesellschaft Bern. Im Komponisten Robert Schumann sah er ein medizinisches „Genieproblem“.

1967 wurde er Schuldirektor von Bern (Schuldirektor, da Klaus Schädelin ihm die Fürsorgedirektion nicht abtreten wollte). Er verkehrte im Diskussionskeller Junkere 37, wo er mit Nonkonformisten zusammenkam (und wo auch Theodor Adorno auftrat). Seine kurze Begeisterung für den Osten kam 1970 im Artikel Ist Moskau eine Reise wert? im „zeitkritischen Magazin“ Focus, einem Sprachrohr von Walter Matthias Diggelmann, Sergius Golowin und Hans Mühlethaler, zum Ausdruck. In Fredi Lerchs Muellers Weg ins Paradies besucht ihn der Gammlerpoet René E. Mueller in seinem Büro. Im Grossen Rat verteidigte er Guido Bachmanns Gilgamesch. Das unter anderem von Hans Mühlethalers Tochter in der Primarschule in Umlauf gebrachte kleine rote Schülerbuch brachte ihn in Rage.[5][6][7] Nach seiner Abwahl 1971 zog er nach Basel, wo er eine neue Praxis eröffnete.

Sutermeister setzte sich zudem für die Rechte von strafrechtlich Verurteilten ein: Mit dem Schriftsteller Walter Blickenstorfer begann er um 1960, dem in Genf wegen Mordes verurteilten Pierre Jaccoud zu helfen. Er arbeitete auch im Büro gegen Amts- und Verbandswillkür des Migros mit und schrieb Artikel zu Justizirrtümern im Beobachter. Mit Kurt Marti, Klaus Schädelin und anderen gründete er 1968 die Schweizerische Gefangenengewerkschaft. 1976 druckte er sein „Pitaval der Justizirrtümer“ Summa Iniuria im Eigenverlag, da er für die 800-seitige Streitschrift keinen Verleger fand. Die Zeit, um dieses Buch zu schreiben, fand er unter anderem in seinem Chalet im waadtländischen Les Mosses (wo er u. a. 1966 dem justizflüchtigen Günter Weigand Asyl anbot).

Er war mit einer Berlinerin verheiratet und Vater dreier Töchter. Sein Nachlass befindet sich in der Burgerbibliothek Bern.

Werke (Auswahl)

Im Almanach deutschsprachiger Schriftstellerärzte 2015 (S. 548-558, ISBN 978-3-921262-65-8) erschienen im September 2014

  • Politiker-Aphorismus
  • Hund Bobbys Lebenslauf (von Ingeborg Sutermeister)
  • Lina, Ursula, Mia (Frauenbilder aus Zwischen zwei Welten)
  • Masse und Musik
  • Medizynischer Liebeskummer (ein Gedicht, frei nach Heinrich Heine)

Im Almanach deutschsprachiger Schriftstellerärzte 2016 werden erscheinen:

  • Ist Moskau eine Reise wert? (im Original mit Zeichnungen von Friedrich Dürrenmatt)
  • Fahrt durch Europas Ruinen

Weitere Werke sind:

  • Ansprache bei der Bestattung von Adrian Sutermeister. 1931
  • Zwischen zwei Welten: Novelle. 1942
  • Psychologie und Weltanschauung. 1944
  • Von Tanz, Musik und anderen schönen Dingen: Psychologische Plaudereien. 1944
  • Zur Kontroverse ‘Abstrakt-Konkret’. 1945
  • Der Neopositivismus als kommende ‘Einheitsweltanschauung’? 1945
  • Wünsche an die Welt von morgen. 1945/46
  • Zum Thema Mode und Medizin. 1948
  • Fahrt durch Europas Ruinen: Erlebnisse eines Berner Flüchtlingsarztes. 1949
  • Kleiner Walzer. Komposition, 1949
  • Über Farben- und Musiktherapie. 1950
  • Medizin und Presse. 1950
  • Zur Psychologie des Kurpfuschers. 1950
  • Musiktherapie. 1951
  • Masse und Musik. 1952
  • Schiller als Arzt 1955
  • Georg Christoph Lichtenberg und die Medizin. 1955
  • Film und Psychohygiene. 1955
  • Vom ärztlichen Ethos. 1955
  • Screen-Hypnosis. 1955
  • Der Alltag des Arztes. 1956
  • Das Rätsel um Robert Schumanns Krankheit. Ein Beitrag zum Genieproblem. 1959
  • Autohipnosis del espectador cinematográfico. 1960
  • Medizin im Schatten der Schlagworte. 1963
  • Klassentreffen. 1968
  • Zum Tag der Menschenrechte. 1968
  • Konstitutionspsychologie des Berner Stimmbürgers. 1971
  • Liebe Stammesbrüder und Stammesschwestern! 1975
  • Mein Porträt von Ursula. Selbstbildnis

Einzelnachweise

  1. Carl Heinrich: Hans Moehrlen: „Zwischen zwei Welten“. In: Die Gefährten: Monatsschrift für Erkenntnis und Tat. 9–17, 1947, S. 69.
  2. Anton Schaller: Zwischen zwei Welten: Erinnerung an den Landesring oder was eine kleine Novelle bewirken kann. Kolumne 182 auf Seniorweb.ch, 29. April 2012.
  3. Fredi Lerch: Frühes Zeugnis von Schweizer Nonkonformismus. In: Revista Espaço Acadêmico. Band 12, Nr. 134, Juli 2012, S. 181–183.
  4. Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke Verlag, Bern 1960, S. 102–109.
  5. Hans Mühlethaler: die kleine rote schülerbuch-affäre. In: focus: das zeitkritische magazin. Nr. 11, 1970, S. 26–28.
  6. Sergius Golowin: Die Schule der Angst. In: focus: das zeitkritische magazin. Nr. 10 (Sondernummer), Juli/August 1970, S. 44.
  7. Heinz Däpp: Sutermeister und die Folgen: Wie sollen linke Berner wählen? In: National-Zeitung. Nr. 356, 6. August 1970, S. 3.

Weblinks

Bestände UB Bern


Dieser Text entstand auf Grundlage der Freien Enzyklopädie Wikipedia und wurde am 06.03.2012 hier eingestellt. Der Originaltext wurde unter der GNU Free Documentation License und der Creative Commons Lizenz (CC-BY-SA) veröffentlicht. (Originalversion in der Wikipedia)