Wyss, Peter

Peter Wyss (* 16.7.1919) Pfarrer, auch nach der Pensionierung

Mitglied im Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Verein (BSV).

Persönlicher Beitrag

"Galgenkindes Wiegenlied", von Morgenstern (1919 im "Gingganz") wurde Obigem an der Wiege nicht gesungen. Aber die Gabe ideologiefeindlichen Humors wurde ihm mitgegeben. Er machte dann die Erfahrung, dass nicht alle Leute Spass verstehen. Selber aber verstand er sich immer als Spielmann, der für Calvins Einsicht einzustehen hatte: "Status mundi in laetitia Dei fundatus est." Die überraschungsreiche Familie half ihm dabei, aber auch der "Römerbrief" (1919) Karl Barths und dessen heiter-ernste Theologie. Er ist kein Verächter des Schriftdeutschen, ist aber dankbar für seine Muttersprache, das Brienzerdeutsche. (ca. 1994)

Leben

Ich wurde am 16. Juli 1919 in Brienz im Berner Oberland geboren, wo ich mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester aufwuchs.

See – Dorf – Berg

Frühste Erinnerung: Mittag ist vorüber. Man hat mich ins Bettchen gebracht. Durch die Querstreben der Fensterläden spiegelt die Sonne über mir an der Decke das leichte Wellenspiel des Sees. Mit Vergnügen sehe ich diesem Spiel zu, bis ich einschlafe. Der See vor dem Haus lockte bald zu Abenteuern vor allem am jenseitigen noch unberührten Ufer. Das Dorf war für mich die erweiterte Wohnstube. Ich hatte Zugang zur Backstube des Bäckers, wo ich erstmals bewundernd der Technik in Gestalt einer Teigknetmaschine begegnete. Wie oft sass ich auf dem Fenstersims einer Schnitzlerwerkstatt und wurde angeregt zu eigenen Gestaltungsversuchen. Wo die steilen Gassen vom Oberdorf in die Seestrasse münden, hatte der Ausrufer seines Amtes zu walten. Nachdem er mit einer Geissenglocke geläutet hatte, verkündete er, dass jemand eine Kuh hatte metzgen müssen und dort Fleisch zu haben wäre, oder eröffnete Anzeigen der Gemeindeverwaltung. Oft begleitete ich ihn von Gasse zu Gasse und ahnte etwas von der Macht des Wortes. Die Hauptstrasse war auch unser Spielplatz, den wir nur verliessen, wenn einer plötzlich rief: „Dr Mählmuni chunnd!“. Dann kam mit Vollgummireifen das Lastauto der Mühle von Unterseen, die Mehl zu den Bäckereien brachte. Hinter dem Dorf, im Feld, fanden wir inspirierenden Raum zum Gestalten unserer Freizeit. Bald aber weckte uns die Neugier nach dem „Weiteroben“. Auf gebahnten und ungebahnten Wegen nahmen wir „den Berg“ bis hinauf auf die Gräte in Besitz; auch auf der Axalpseite, wo wir im Tiefental ein Vorsass besitzen, das uns oft als Quartier diente, von dem aus wir unsere Streifzüge unternahmen.

Familie - Schule – Dienst

Ich war kein braver Knabe. Aber nie musste ich die verstehende, leitende Geborgenheit in der Familie vermissen, auch wenn Strafe fällig war. Zur Familie gehörten auch die Geschwisterfamilien des Vaters und der Mutter mit all ihren Kindern. Ich wurde hineingenommen in die sorgsame Pflege der damit gegebenen Beziehungen und freute mich am Umgang mit Cousins, die an unsern Bandenerlebnissen teilhatten. Ich war kein ehrgeiziger Schüler, aber ich denke gerne an meine Schulen, an meine Lehrerinnen und Lehrer. Schon für den Primarschüler war das Berufsziel klar: Ich wollte Pfarrer werden. Über den Weg dazu machte ich mir keine Gedanken. Das rächte sich beim Übergang ins Gymnasium. Glücklicherweise war bei der Pfarrfamilie ein verwandter Bursche in den Ferien mit dem ich mich angefreundet hatte. Er sagte zu mir: „Komm doch nach Schiers. Ich bin im Gymnasium der evangelischen Lehranstalt glücklich und zufrieden.“ Das erlebte ich dann auch in reichem Masse. In der Freizeit war es dort möglich, mich in meiner ausgebrochenen Leidenschaft im Bergsteigen und besonders im Klettern zu üben. Das Studium wurde in Bern und in Zürich aufgenommen. Ich versuchte, mich frei zuhalten von einer unguten Gruppendogmatik links und rechts, die das eigene Denken vernachlässigte . Oft waren die Semester durch lange Dienstleistungen unterbrochen, aber sie wurden für mich zu einem weiteren Studium im Umgang mit Vorgesetzten und Kameraden, das ich nicht missen möchte. Die Dienstleistungen im Berneroberländerregiment und in der Simplonbrigade verbanden mich mit meiner ursprünglichen Heimat und schenkten neu ein Heimischwerden im Wallis.

Familie – Beruf – I.R.

1946 heirateten Gabrielle Joss und ich vor dem Antritt unserer ersten Pfarrstelle in Wasen i. E. Arbeit gab es in Hülle und Fülle. Vier Knaben und ein Mädchen wurden uns geschenkt. Die Tochter starb nach kurzer Krankheit im blühenden Alter von 18 Jahren. Ein bleibendes Leid für uns alle. Nach meiner Pensionierung (1986) erkrankte meine Frau und war bald auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie wurde im Herbst 2oo1 aus dieser Zeit und Welt abgerufen. Wir erlebten die lange Krankenzeit als gesegnete Zeit. Dankbar blicke ich auch auf den Weg meiner Söhne mit ihren guten Frauen und auf den Weg der Enkel und Urenkel. Im Wasen hatte ich am Sonntag meist zwei Gottesdienste zu halten: Einen in der Kirche, einen im Schulhaus Kurzenei oder im Hornbach in den Schulhäusern Fritzenhaus oder Mieschboden. Das wurde mir nie zu viel. Wir waren beide dankbar, dass wir frohgemut und zuversichtlich arbeiten konnten. Wenige Wochen nach unserem Amtsantritt brannte die Kirche. Das Unglück hat viel guten Helferwillen geweckt. Später folgten wir einem Ruf nach Langenthal. Ich fand Zeit, das mir liebe Brienzerdeutsch zu pflegen und in drei Gedichtbändchen und in Kolumnen des „Kleinen Bund“ weiter zu geben. Die letzten 25 Jahre dienten wir in Bolligen. Das „i.R.“ setzen wir hinter unsere Berufsbezeichnung: „Pfarrer i.R.“. Das heisst: Pfarrer im Ruhestand. Ich verstehe die Abkürzung lieber so: Pfarrer in Reichweite. Das wollte ich sein. Es gelang nicht immer. Meine Frau hat oft überbrückt und ausgeholfen. Ich höre den Zuruf von Jesus: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ (Lk. 17,1o) (Peter Wyss, 17.09.2004)

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