Müller, Gustav Emil

Gustav Emil Müller (* 12.5.1898; † 10.7.1987)

Leben

"Geboren wurde ich in Bern 1898, also gegen Ende der sogenannten Neuzeit, deren Zusammenbruch mit dem europäischen Selbstmord von 1914 begann. Erst seither wurde das Bewusstsein weltgeschichtlich: In allen Weltteilen gab es Kriege. Der Rüstungswahnsinn machte gewaltige Fortschritte. Dank der körperwissenschaftlichen Technik schrumpfte der Erdenkloss zum Tummelplatz feindlicher Horden zusammen. Was gehört nicht zum täglichen Zeitungsbedarf? Schwindende Rohstoffe und Hungersnöte, Bevölkerungsexplosionen und Ausbeutung, Naturnöte und Bombenmetzeleien, Mord und Aufruhr, Verpestung von Luft und Wasser - und als Zückerchen auch Mondflüge und andere 'Wunder der Technik'. Was wollen da Zeitgedichte? Spieglein, Spieglein an der Wand ...

Von 1925 bis 1968 hatte ich das grosse Glück, in Amerika Philosophie lehren und lernen zu dürfen. Zeignis des Lernens: Meine Amerikanische Philosophie (Frommann).

Zwölf Bücher wurden zusammen mit meinen lieben Studenten erarbeitet; zuerst gesprochen, erst nachher geschrieben. Neun entwickeln systematische Philosophie; drei entstanden in vieljährigen Seminarübungen über Platon und Hegel (Plato - The Founder of Philosophy as Dialectic, New York). Obschon sie englisch geschrieben sind, bin ich doch ein Berner Schriftsteller geblieben.

Schwimmer im Licht, eine kleine Auswahl alter (1917) und neuer (1981) Gedichte, beabsichtigt, in 'meine' dialektische Philosophie einzuführen. Nach Platon ergänzen sich die Gegensätze von Denken (logos) und Dichten (mythos). Wahrheit und Schönheit sind unzeitig und unbedingt gültige Werte, nicht zu verwechseln mit bedingten seelischen Zuständen, beispielsweise mit 'optimistischen' Stimmungen oder 'pessimistischen' Verstimmungen.

Eine dialektische Weltanschauung verwirft alle einseitig übertriebenen Standpunkte ('-ismen') und bejaht das Leben als Ganzes mit all seinen Tugenden und Lastern.

In Religionen wird trotz allem Elend an die Güte der göttlichen Schöpfung geglaubt. Logisch ist der nichtseiende Widerspruch, das Negative, nicht weniger wirklich als das Sein. Dieser Gedanke kommt im Gedicht Wahrheit im Widerspruch zur Sprache." (Quelle: Vorwort von "Schwimmer im Licht", Francke, 1982)

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